Liquiditätsrisikomanagement

Zur Bedeutung des Liquiditätsrisikos

Die jüngste Finanzkrise zeigte einen starken Einbruch der Marktliquidität (z.B. "Austrocknung" des CP Marktes) und verstärktes Misstrauen unter den Marktteilnehmern. Dies führte bei vielen Banken zu ernsten Liquiditätsengpässen und durch den folgenden Werteverfall bis hin zu existentiellen Problemen. Die Steuerung der Liquidität durch die Zentralbanken, die enorme Summen in die Märkte "pumpten", reichte nicht mehr aus, um die Krise einzudämmen. Für die angeschlagenen Banken waren vielmehr staatliche Unterstützungsmaßnahmen mit entsprechenden Auflagen notwendig, die in Einzelfällen sogar zur Verstaatlichung führten. Durch den bisher in diesem Ausmaß nicht gekannten Mangel an Liquidtät, die enormen Summen, die von staatlicher Seite aufgewendet werden mussten, um der Krise zu begegnen und die nachfolgenden, erheblichen Auswirkungen auf die Realwirtschaft hat das Liquiditätsrisiko sowohl in der Finanzwelt und bei den Regulatoren als auch in der breiten öffentlichkeit deutlich an Aufmerksamkeit und Bedeutung gewonnen.


Dimensionen von Liquidität(srisiko)

Der Begriff Liquidität wird im Finanzbereich in verschiedenen Zusammenhängen verwendet:

  • Liquidität als Maß für die Veräußerbarkeit von Wertpapieren 
  • Liquidität als Beschreibung der Zahlungsfähigkeit einzelner Institutionen
  • Liquidität als Grad der Aktivität innerhalb bestimmter Märkte
  • Liquidität als reibungsloser Geldfluss innerhalb einer Volkswirtschaft etc.

Bezogen auf das Management der Liquidität von Banken wird ebenfalls meist auf mehrere dieser Aspekte abgezielt. Die vorrangige Aufgabe des Liquiditätsrisikomanagements ist die Sicherstellung der jederzeitigen Zahlungsfähigkeit. Dies kann zum Beispiel durch die Bereitstellung einer adäquaten Liquiditätsreserve gewährleistet werden, in der ein hinreichender Bestand an liquiden, also jederzeit problemlos veräußerbaren, Wertpapieren vorgehalten wird.

Durch seinen "digitalen" Charakter (entweder die Bank kommt ihren Zahlungsverpflichtungen nach oder sie muss schließen) nimmt das Liquiditätsrisiko innerhalb des Risikomanagements eine besondere Rolle ein. Es kann nicht wie die sonstigen Risikoarten (Marktrisiko, Kreditrisiko, operationelles Risiko, etc.) allein durch Eigenkapitalunterlegung abgedeckt werden, sondern hat auch entscheidenden Einfluss auf kurzfristige Handlungsweisen, die sofortige aber angemessene Reaktionen in Krisenzeiten erfordern. 

Von der Geschäftsstruktur, die den Liquiditätsbedarf bestimmt, über die Analyse von Märkten (Marktpreise und Liquidierbarkeit) bis hin zur adäquaten Mischung der Finanzierungsquellen unter Beachtung externer Faktoren (z.B. die Wahrnehmung des Unternehmens am Markt) muss das Management sämtliche relevanten Einflüsse berücksichtigen. Das macht Liquiditätsrisikomanagement zu einem sehr komplexen und übergreifenden Themengebiet.


Neue regulatorische Anforderungen

Als Konsequenz der vergangenen Krise seitens der Finanzwelt werden nun auch auf regulatorischer Ebene und von den Aufsichtsbehörden strengere Vorschriften und eine bessere Kontrolle der Banken gefordert. Im Folgenden werden exemplarisch einige aktuelle Neuerungen für Deutschland, UK bzw. vom Baseler Komitee für Bankenaufsicht dargestellt. 

In den letzten Änderungen der MaRisk (08/ 2009) werden Lehren aus der Krise gezogen. So werden unter anderem 

  • die im Liquiditätsrisikobereich zu betrachtenden Stressszenarien präzisiert bzw. kategorisiert (marktweites Szenario, institutsspezifisches (idiosynkratisches) Szenario bzw. Kombination aus beiden), 
  • das Vorhalten einer adäquaten Liquiditätsreserve, sowie 
  • die separate Analyse von Liquidität pro Währung 

gefordert. Allerdings stehen diese Anforderungen im Sinne des Umfangs und Präzisierungsgrads noch deutlich hinter denen der FSA, die nachfolgend beschrieben werden, zurück.

Im Oktober 2009 legte die britische Aufsicht FSA die neuen regulatorischen Forderungen insbesondere an die Messung und das Management von Liquiditätsrisiken in ihrem Policy Statement PS09/16, das die  Consultation Papers 08/22, 09/13 und 09/14 finalisiert, fest. Das Policy Statement präzisiert neue Vorschriften wie z.B. die Individual Liquidity Adequacy Standards (ILAS) oder das Liquiditäts-Reporting. Wesentliche Forderungen sind:

  • erweiterte Anforderungen an Aufbau und Kontrolle eines leistungsfähigen und adäquaten Liquiditätsrisikomanagement 
  • Definition von Prinzipien zur Adäquanz von Liquidität und "self-sufficiency" 
  • mehrdimensionale Aufgliederung der Geschäfte (z.B. Währung, Geschäftsart, Zeitintervalle)
  • Stressszenarien müssen kurzfristige / länger andauernde Krisen (2 Wochen / 3 Monate) wie institutsspezifischen (idiosynkratischen) / marktweiten Stress bzw. Kombinationen aus beiden abdecken und über 10 konkrete Risikotreiberausgewertet werden
  • Interpretation der Ergebnisse in schlüssiger Art und Weise und "Individual Liquidity Guidance" (ILG) durch die FSA
  • neue Definition liquider Assets und risikobasierter Puffer, sowie die Forderung nach einer regelmäßigen Realisierung eines aussagekräftigen Anteils des Liquiditätspuffers
  • neues Regelwerk für das Berichtwesen: granular, häufig (täglich, wöchentlich, monatlich, quartalweise) und teilweise automatisiert - der "Enhanced Mismatch Report" muss wöchentlich (mit der Möglichkeit zur täglichen Erstellung) über einen automatischen Prozesses eingereicht werden

Mit Blick auf die systemischen Risiken gelten die Vorschriften nicht nur für UK Firmen sondern auch für Firmen außerhalb von UK mit Niederlassungen oder Töchtern in Großbritannien. Zur effizienteren Handhabung regulatorischer Kontrollen, sind für spezielle Gegebenheiten Erleichterungen ("modifications") vorgesehen. So können ausländische Firmen mit Niederlassungen in Großbritannien eine sogenannte "whole-firm modification" beantragen, bei der die Überwachung bzgl. des Liquiditätsrisikos hauptsächlich der Aufsicht im Lande des Mutterunternehmens überlassen wird. Es werden dabei nur eine deutlich reduzierte Zahl von Reports in größeren Zeitabständen allerdings in bezug auf das gesamte Unternehmen gefordert.

Aufbauend auf ihren "Principles for Sound Liquidity Risk Management and Supervision" (09/ 2008) hat das Basler Komitee zur Bankaufsicht (BCBS) im Dezember 2009 das neue Konsultationspapier "International framework for liquidity risk measurement, standards and monitoring" herausgegeben.  Darin werden insbesondere zwei neue Kennzahlen vorgestellt:

  • Liquidity Coverage Ratio (LCR): Quotient aus dem Bestand an unbelasteten, hochliquiden Assets und den genetteten (kumulierten) Abflüssen der nächsten 30 Tage unter einem vorgegebenen Liquiditäts-Stress-Szenario (Kombination aus idiosynkratischem Stress und Marktkrise),
  • Net Stable Funding (NSF) ratio: Quotient aus der zur Verfügung stehenden stabilen Refinanzierung und der benötigten stabilen Refinanzierung. 

Der LCR dient als Risikomaß für eine kurzfristige (30 Tage) Krisensituation (vorgegeben durch die Aufsicht), während der Betrachtungszeitraum für den NSF ratio über einen längeren Horizont (1 Jahr) geht und den Refinanzierungsbedarf bzgl. illiquider Positionen misst. Zur konsistenten Betrachtung der Risikoprofile der beaufsichtigten Institute werden darüberhinaus Instrumente, wie die (vertragsmäßige) Kapitalablaufbilanz, Diversifizierung der Refinanzierung, zur Verfügung stehende unbelastete Assets und marktbezogene Beobachtungsgrößen empfohlen. 

Der Aufforderung des BCBS zur Kommentierung des Konsultationspapiers folgend, wird die internationale Diskussion zum soliden Liquiditätsrisikomanagement und entsprechender Aufsicht weiter geführt. Auf nationaler Ebene wird es in diesem Zusammenhang erwartungsgemäß weitere Standards und Vorschriften geben.


Rahmen des Liquiditätsrisikomanagements

Vor der Krise spielte Liquiditätsrisikomanagement keine besondere Rolle, da die Banken daran gewöhnt waren, sich zur kurzfristigen Refinanzierung auf einen funktionierenden Interbankenmarkt verlassen zu können. Heutzutage jedoch hat ein solides Liquiditätsrisikomanagement zunehmend an Bedeutung gewonnen und wird nachdrücklich von der öffentlichkeit und den Regulatoren gefordert. Jedes im Finanzsektor tätige Unternehmen sollte über ein adäquat aufgestelltes Liquiditätsrisikomanagement zur Identifizierung, Messung, Steuerung und Kontrolle seiner Liquiditätsrisiken verfügen. Die Ziele eines umfassenden Liquiditätsrisikomanagement, die auf der fundierten Kenntnis und der transparenten Darstellung des Liquiditätsprofils des Unternehmens fußen, sind u.a.:

  • Sicherstellung der jederzeitigen Zahlungsfähigkeit zum Beispiel gewährleistet durch die Bereitstellung einer geeigneten Liquiditätsreserve
  • Eröffnung von Möglichkeiten zur Ertragssteigerung durch bewusste und aktive Liquiditätsfristentransformation
  • Optimierung der Liquiditätskosten, z.B. in der Zusammensetzung der Liquiditätsreserve 

Organisatorisch gesehen sollte sich das Liquiditätsrisikomanagement aus einer Steuerungs- und einer Kontrollseite zusammensetzen. Auf oberster Ebene gibt der Vorstand den Risikoappetit des Unternehmens und die Liquiditätsrisikostrategie vor, die durch den Aufsichtsrat abgenommen und fortlaufend verifiziert werden. Auf der operativen Ebene sorgt das Treasury für die jederzeitige Zahlungsfähigkeit. Das Risikocontrolling überwacht, dass die Aktivitäten des Treasury konform mit der vorgegebenen Liquiditätsrisikostrategie sind. Darüber hinaus definiert das Risikocontrolling die Modellierungen für Liquiditätsrisikoanalysen (z.B. für nicht deterministische Cashflows) und führt Stress-Tests durch. Die zugehörigen Ergebnisse zum Liquiditötsprofil der Bank können auch zur Berichterstattung und Erfüllung regulatorischer Anforderungen genutzt werden.

Die Ergebnisse der Stressszenarien sollten Eingang in den Notfallplan (Contingency funding plan), der stufenweise das Verhalten und Vorgehen in verschiedenen Liquiditätskrisensituationen festlegt, finden.


Kennzahlen und Methoden

Das grundlegende Instrument bei der Betrachtung von Liquiditätsrisiken ist eine Liquiditäts- oder Kapitalablaufbilanz. Diese stellt über einen bestimmten Zeitraum die erwarteten Zahlungsein- und
-ausgänge gegenüber und ermöglicht es so, den kumulativen Liquiditätsbedarf (Liquiditäts-Gap) zu ermitteln. Abhängig vom jeweiligen Verwendungszweck und den zu ermittelnden Kennzahlen wird die Bilanz dabei in geeigneter Aufteilung und Granularität dargestellt.

Um sicherzustellen, dass die so ermittelten Gaps die Refinanzierungsmöglichkeiten des Instituts nicht übersteigen, wird des Weiteren häufig das sogenannte Liquiditätsdeckungspotenzial (oder auch Counter-balancing capacity) ermittelt. Das ist die Liquiditätsmenge, die mit geeigneten Maßnahmen, z.B. dem Verkauf / Verleih von Wertpapieren, dem Einreichen von Wertpapieren bei der Zentralbank etc., verfügbar gemacht werden kann. Das Liquiditätsdeckungspotential dient als Limit für die (kumulierte) Liquiditätsunterdeckung, d.h. die Summe aus genetteten kumulierten Cashflows und Liquiditätspotential muss positiv sein, andernfalls ist das Institut zum diesem Zeitpunkt zahlungsunfähig.

Besondere Aussagekraft gewinnen diese Analysemethoden, wenn sie zusätzlich zur erwarteten Entwicklung (Going Concern) auch Stresssituationen, die sowohl kurzfristige wie andauernde Krisen, als auch idiosynkratischen und marktweiten Stress abdecken, berücksichtigen. Die Identifizierung der Risikofaktoren sowie die Definition geeigneter Stressszenarien und zugehöriger Frühwarnindikatoren stellen dabei neben der Modellierung von Produkten mit nicht-deterministischen Cashflows (z.B. Kontokorrente, Kreditzusagen, Kündigungsrechte, Optionen, Aktien) eine große Herausforderung dar.

Für die Modellierung nicht-deterministischer Produkte werden in der Praxis u.a. folgende Ansätze angewendet:

  • Einfacher und pragmatischer Ansatz: Basiert auf historischen Werten, z.B. als Durchschnittswert vergangener Jahre, und nutzt semi-heuristisch Expertenmeinungen zur Abschätzung des Risikos.
  • Ökonometrischer Ansatz: Modelliert Zahlungsströme mittels bekannter Zeitreihenmodelle und statistischer Analysen und schätzt das Risiko durch Modellprognosen.
  • Simulationsbasierter Ansatz: Modelliert Cashflows basierend auf finanzwirtschaftlichen und ökonometrischen Faktoren und schützt das Risiko durch eine vollständigen Monte Carlo Simulation.

Alle Ansätze haben ihre Vor- und Nachteile (Genauigkeit versus Rechenzeit, Komplexität versus Stabilität etc.), die bei der Auswahl der passenden Methode abhängig von den Ressourcen abgewogen werden müssen.

Zur Vermeidung von Konzentrationsrisiken spielt die Analyse der Finanzierungsquellen, eine entscheidende Rolle im Liquiditätsrisikomanagement und findet sich auch bereits regulatorischen Anforderungen wieder. 

Sowohl die Liquiditätsablaufbilanzen als auch das Liquiditätsdeckungspotential basieren ausschließlich auf den zu erwarteten Cashflows der Geschäfte. Weitere sinnvolle Auswertungen sind z.B. die Ermittlung der potentiellen Kosten, die bei der Schließung von Liquiditäts-Gaps (ggf. auch unter Annahme sich ändernder Own Credit Spreads), sowie Simulationen der Auswirkungen von potentiellem Neugeschäft und den zugehörigen Refinanzierungen auf die Gewinn- und Verlustrechnung der Bank. Insbesondere wird damit anders als bei der reinen Cashflowsicht auch eine Einbeziehung des Liquiditätsrisikos in das allgemeine Risikotragfähigkeitskonzept möglich.

Im Bereich Liquiditätsrisiko gibt es bislang nur wenige stochastische Ansätze. Meist werden die Produkte nicht über finanzmathematische Modelle sondern über einfache Annahmen (wie z.B. statistische Mittelwerte für Inanspruchnahmen von Kreditlinien) modelliert. Komplexere stochastische Ansätze wie Liquidity at Risk (maximaler Liquiditäts-Gap innerhalb eines bestimmten Zeitfensters und für ein bestimmtes Konfidenzniveau) oder Liquidity Value at Risk (maximale Liquiditätskosten unter bestimmten Voraussetzungen), die akademisch weit entwickelt sind, konnten sich bislang nicht in der Breite durchsetzen. 


Liquiditätsrisikomanagement - was wir für Sie tun können

Wie fortschrittlich ist Ihr Liquiditätsrisikomanagement? Welche Stressszenarien sind zu betrachten? Wie sind nicht-deterministische Produkte zu modellieren? Wie berechnet man den Liquidity Value at Risk? Welche Anforderungen stellt die FSA an Ihre Niederlassung in UK?

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Ihr Ansprechpartner: 

Dr. Oliver Hein

Tel.: +49 69 90737-324

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